Der Park der Dichter in Bijelo Polje

Der Park der Dichter in Bijelo Polje

Der Park der Dichter in Bijelo Polje

Bijelo Polje ist mit ca. 16.000 Einwohnern die größte Stadt im Norden Montenegros und das Zentrum des Sandzak (sprich Sandshak). In dieser Region spielt die Stadt also eine führende Rolle, in den meisten Reiseführern über Montenegro wird diese Stadt jedoch kaum oder gar nicht erwähnt. Reiseführer, die der Stadt dennoch ein paar Zeilen widmen, nennen als Sehenswürdigkeiten meist lediglich zwei Kirchen, eine Moschee und ein Heimatmuseum. Wobei die Namen der Kirchen und der Moschee meist gar nicht genannt werden und die Ausstellung des Heimatmuseums explizit nicht besonders gelobt wird.

Bijelo Polje ist die Literatur-Hauptstadt Montenegros

Bijelo Polje ist also kein Touristenmagnet. Dafür gilt die Stadt als die Literatur-Hauptstadt des Landes. Bereits das Stadtwappen zeigt ein aufgeschlagenes Buch, hinter welchen eine Sonne und vor welchem Wasserlinien zu sehen sind. Ob die Sonne hinter dem Buch auf- oder untergeht, habe ich noch nicht in Erfahrung gebracht aber die blauen Wasserlinien symbolisieren den Fluss Lim, welcher durch die Stadt führt und das aufgeschlagene Buch zeigt das Miroslaw-Evangelium, die älteste erhaltene kyrillische Handschrift der vier Evangelium aus dem 12. Jahrhundert, welche extra für die Peter und Paul Kirche in Bijelo Polje angefertigt wurde. Es gehört seit 2005 zum UNESCO Weltdokumentenerbe und befindet sich heute im Serbischen Nationalmuseum in Belgrad.

Ratkovic-Haus und Park der Dichter

Als berühmtester Dichtersohn neuerer Zeit gilt Risto Ratkovic (1903-1954). Sein Geburtshaus in Bijelo Polje wurde nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg rekonstruiert und beherbergt heute das natürlich nach ihm benannte Risto-Ratkovic-Haus, in welchem ihm zur Ehre jedes Jahr das Literatur Festival „Ratkovic-Evenings-of-Poetry“ stattfindet.

Zu diesem Haus gelangt man am besten, wenn man von Trg Slobode (sprich Tirg Slobode) – dem Freiheitsplatz – durch die kurze aber breite Fußgängerzone vorbei an den zahlreichen und bei Sonnenschein zu jeder Tageszeit gut gefüllten Straßencafes schlendert. Vor dem Haus, welches leider keine Daueraustellung hat und anscheinend außer zu Zeiten des Literatur-Festivals geschlossen ist, befindet sich der „Park der Dichter“. So sagt es jedenfalls die an dieser Stelle stehende Infotafel. Denn eigentlich handelt sich nur um drei vor dem Hause stehende Büsten, ein paar betonierte Wege, mit winzigen dazwischenliegenden Brachflächen und eben diese Tafel, welche auf den Park der Dichter hinweist. Schilder auf den winzigen durch überflüssige Betonwege zerschnittene Brachflächen weisen darauf hin, dass hier Rasen gepflanzt sei und man diesen bitte nicht betreten solle.

Bijelo Polje – Das Weimar Montenegros

Gut, auch wenn das Ratkovic-Haus nicht geöffnet und auch sonst schon von außen einen relativ verlassenen Eindruck gemacht hatte, und auch wenn das Gelände davor noch nicht in einem Zustand war, den ich als Park erkannt hätte, die Infotafel davor gibt beeindruckenden Aufschluss darüber, dass es sich bei Bijelo Polje um das Weimar Montenegros handeln muss.

Der aus Bijelo Polje stammende und eingangs schon erwähnte Risto Ratkovic etwa gilt als der Autor der ersten modernen Novelle Montenegros mit dem Titel „Der unsichtbare Gott“ (NevidBog). Laut Tafel wird er auch der „Hamlet des Sandzak“ genannt. Bei Amazon finden sich von Risto Ratkovic leider keine ins Deutsche übersetzte Werke.

Miodrag Bulatovic stammt aus Bijelo Polje

Als ein weiterer bekannter aus der Stadt stammender Dichter wird Miodrag Bulatovic (1930-1991) erwähnt. Er gilt als der neben Ivo Andric meist veröffentlichte und übersetzte Schriftsteller der Nachkriegsliteratur Jugoslawiens. Er wird auf der Tafel als ein Schriftsteller, welcher die dunklen und dämonischen Kräfte des Menschen beschreibt, negative Helden schafft und Menschen aus der Unterschicht, sowie groteske und tragische Charaktere schafft, beschrieben. Der große Ivo Andric hätte über ihn diese ihn als Schriftsteller adelnden Worte gesagt: „Wenn wir die Türen unserer Schriftsteller-Gesellschaft nicht weit für Bulatovic aufhalten, dann wird er früher oder später durch das Fenster, und vielleicht sogar durch den Kamin hereinkommen.“ Seine Novellen und Kurzgeschichten wurden im Ausland mehr geschätzt als im Inland und laut Tafel in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Der deutsche Wikipedia-Eintrag spricht sogar von über 40 Sprachen. Die Stadt Bijelo Polje hat es also nicht nötig bei ihren berühmten Dichtersöhnen zu übertreiben. Auch bei Amazon finden sich einige seiner ins Deutsche übersetzte Werke.

Als weiter aus dieser Stadt stammende Dichterson wird Camil Sijaric (1913-1989) erwähnt. Auch er trägt den Titel der „Poet des Sandzak“. Bei Amazon findet man diese seiner ins Deutsche übersetzte Werke: „Der Osmanische Friede“, „Im Schatten des Urahnenbaums“ und „Die Frauen des Hadschi“.

Bijelo Polje die Stadt des geschriebenen Wortes

Vom Miroslaw-Evangelium bis zu den bekannten Dichtern der Bundesrepublik Jugoslawiens – Bijelo Polje gilt als Montenegros Stadt des geschriebenen Wortes. Aber die Tafel erwähnt noch einen großen Dichter – Avdo Medjedovic (geboren 1870, Todesdatum nicht bekannt) – einen Guslar. Ein Guslar ist ein Dichter, Sänger, Musiker, der auf der Gusla, dem traditionellen montenegrinischen Musikinstrument, wie ein Geige oder ein Cello allerdings mit nur einer Seite, spielt und dazu singt. Avdo Medjedovic gilt als einer der besten und bekanntesten Vertreter dieser Zunft. Er hat mehre Rekorde für die längsten Verse und Liedtexte aufgestellt und über ein riesiges Repertoire eigener Lieder verfügt. Allerdings hat er nichts davon aufgeschrieben. Man sagt sogar, dass er gar nicht schreiben konnte. Großer Dichter aber nicht Literat also.

Allen, die sich für jugoslawische Literatur interessieren, sei der Besuch der Bijelo Poljes und der Besuch des Dichterparks empfohlen. Vielleicht ist ja bis dahin auch der Rasen schon gewachsen und vielleicht hat ja dann auch das Ratkovic-Haus mal geöffnet. Und selbst wenn nicht, Bijelo Polje ist und bleibt das Weimar Montenegros und auch Weimar muss man einmal gesehen haben.

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1 Kommentar auf "Der Park der Dichter in Bijelo Polje"

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Gast

Ein Unheil, welches auch auf Grund prominenter Unterstützung aus Hollywood abgewendet werden konnte.

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