Das Gefängnis Jusovaca in Podgorica

Jusovaca Podgorica (6)

Diesmal bin ich in Podgorica nicht wie sonst im Hotel „New Star“, sondern im Hotel „Europa“ abgestiegen. Das kam ganz zufällig, denn das Hotel „New Star“ war voll. Das Hotel „Europa“ ist ein bescheidenes aber sauberes und freundliches drei Sterne Hotel direkt am Bahnhof Podgorica. Nicht weit vom Stadtzentrum und für mich die Gelegenheit, mal eine andere Seite von Podgorica kennen zu lernen.

Und gleich beim Fußmarsch ins Stadtzentrum ist mir schon gestern ein ungewöhnliches und interessantes Gebäude aufgefallen. Zuerst war es nur eine alte hohe Mauer, gleiches Material und gleiche Bauweise, wie z.B. das historische moslemische Viertel, die sogenannte Altstadt von Podgorica, welche sich in der Nähe des Hotels New Star befindet. Relativ hohe und massive Mauern aus Natursteinen verschiedener Größen, die Ritzen zwischen den großen Steinen mit kleineren Steinen gestopft – so wie man es bei der Trockenbauweise im Gartenbau heute kennt – aber bei der Höhe und Große natürlich zusammengemörtelt. Auch vorher bin ich schon mehrmals an diesen Mauern vorbeigekommen. Meist, wenn ich mich irgendwie auf dem Weg vom Stadtzentrum zur Transitstraße in diesem kleinen verwinkelten Gassensystem verfahren habe. Dabei habe ich diese Mauern nur im Vorbeifahren gesehen.

Diesmal, zu Fuß bemerkte ich, dass es eigentlich eine große Mauer ist, welche allen anderen Mauern an Höhe überragt und in einem Viereck ein Gelände von vielleicht 100 mal 200 Metern umschließt. Wobei ich sagen muss, dass ich Flächen und Entfernungen nur sehr schlecht schätzen kann. Eine weitere Untersuchung und Ausmessung werde ich sicherlich noch machen. Und noch etwas interessantes bemerkte ich – hoch oben auf den Mauern an jeder Ecke, aber mindestens drei, thronten wie Adlerhorste oben auf der Mauer kleine steinernde Wachhäuschen, welche so klein waren, dass Sie höchsten einem Menschen Platz bieten könnten. Zu den Wachhäuschen führten von der Außenseite der Mauer an die Mauer geklebte Betonmauern.

Was war das? Wozu waren diese Wachhäuschen da? Dachte ich als ich so nach oben schaute. Aussichtspunkte für Verkehrspolizisten? So hoch und von dieser Position und in dieser Beton-Bauart, erinnerten sich mich eher an militärische Wachposten oder an Wachposten für Gefängniswärter. Für ein Gefängnis sah die Mauer allerdings zu historisch. Die Wachhauschen waren leicht verfallen, aber durchaus nutzbar, machten einen moderneren Eindruck als die historische Mauer. Teile der Treppen und Abstützungen der Wachhäuschen waren mit Beton verstärkt oder teilweise ersetzt.

Die Treppen, welche an der Außenseite der Mauer entlangführten waren intakt und neueren Datums als die Mauer. Sie waren nicht gesperrt. Also ging ich die Treppe hinauf. Gespannt, was mich da oben erwarten würde. Nach vielleicht 30-40 kleinen Treppenstufen erreichte in das Wachhäuschen auf der Mauer. Sah alles aus, wie nachträglich aus Beton auf die Mauer gebaut. Es lag ein bisschen Müll im intakten Ausguck. Die Betonplattform vor dem Häuschen war an den Ecken ein bisschen abgebrochen. Aber sonst war alles intakt.

Vom ersten Wachhäuschen, welches ich auf diese Art enterte, eröffnete sich mir ein Blick auf einen langen Bau in der Art der alten Kasernen. Steinbau, Ziegeldach, Längsbau. Dafür ein verwildeter Hof. Das Haus sah von dieser Seite relativ intakt, aber unbewohnt und verfallen aus. Eindeutig eine Kaserne oder ein Gefängnis, dachte ich. Bei genauerem Hinsehen sah ich die schweren Gitter vor den Fenster. Also doch Gefängnis, obwohl, auch bei Kasernen muss man manchmal die Insassen bewachen, damit sie nicht wegrennen.

Die Mauer entlangschauend sah ich den nächsten Wachturm am anderen Ende der Mauer, an der gegenüberliegenden Mauerecke. Von dort müsste man noch einen weiteren schönen Blick in diesen Hof haben. Ein paar Fotos aus dem Iphone und ich stieg die Treppe wieder hinab. Ich schaute mich um. In Deutschland hätte man an solch einer Stelle schon längst ein Verbotsschild angebracht. Aber hier nahm niemand Notiz davon, dass ich die Treppe an der historischen Mauer hoch- und runterkletterte.

Ich ging unten an der Mauer entlang und stieg die Treppe, eigentlich waren es nur seitlich aus der Mauer herausragende Stufen, hinauf. Hier, der gleiche Typ von Wachturm, aber ein anderer Blickwinkel auf den Hof und das darin liegende Gebäude. Von dieser Seite aus sah ich, das das Gebäude bewohnt war. Vor dem Gebäude hingen Leinen mit Wäsche in der schattigen Seite des Hofes. Vor dem Gebäude lag eine grobe Holzleiter. Der Hof, der hier als eine Art Vorgarten diente, war im Gegensatz zu der verwilderten Seite relativ gepflegt. Die meisten Fenster waren zugemauert oder mit Brettern verschlossen. Die schweren Fenstergitter waren noch zu sehen. In das Haus führten allerhand wildverlegte Kabel und Leitungen.

Im verlassenen Gefängnisgebäude leben heute also Menschen. Noch ein Foto für das Iphone und ich stieg die Treppe wieder hinunter. Das Gebäude erschien mir wirklich interessant. Eine Sehenswürdigkeit Podgoricas, welche man in keinem Reiseführer fand. Dabei war Podgorica doch auch so schon arm an Sehenswürdigkeiten. Ein ehemaliges Gefängnis, das wäre doch eine perfekte Touristenattraktionen. Historische Gefängnisse gelten doch sonst überall als Touristenattraktionen. Die Peter und Paul Festung in St. Petersburg, die Spandauer Zitadelle, der Tower of London, um nur einige zu nennen. Podgorica könnte mit seinem historischen Gefängnis in der ersten Grusel-Liga mithalten. Aber diese Sehenswürdigkeit verkommt hier einfach. Während man an den Küstenstädgen Montenegros genug EU-Geld hat, um ganze historische Viertel herzurichten, hat die Hauptstadt nicht das Geld, um ein historisches Gefängnis zu renovieren.

Ich umrundete die Festung, um weitere Spuren zu finden. Aber es war nicht viel mehr zu sehen. Der Hof konnte von der anderen Seite durch ein offenes verfallenes Rundtor betreten werden. Verwildeter Hof, Müll, Katzen, man konnte sich den Gebäuden nähern und Blicke hieinwerfen. Löcher waren in die Mauer gebrochen, man konnte in den Keller sehen. Die Eisengitter, die Zellen, die Gewölbe. Die Mauern wurden von der Außenseite von anderen Gebäuden genutzt, welche an die Außenmauern des Gefängnisses angebaut hatten. Ich erblickte ein drittes Wachhäusschen, welches allerdings nicht per Leiter erreichbar war.

Ich schaute mir die Struktur und Bausubstanz dieses dritten Wachhäuschens diesmal ganz genau an. Ich wollte wissen, aus welcher Zeit dieses Häuschen stammte, um daraus abzuleiten, wie lange das Gefängnis in etwa in Betrieb gewesen war. Man sah, dass das Wachhäuschen eckige Formen, wie aus Beton gegossen war. Ich suchte nach weiteren Spuren. Und siehe, das Wachhäuschen war nicht nur aus neuerem Betonmaterial als die Mauer, nein. Da war auch eine Antenne an dem Wachhäuschen. Aber das von der Antenne in das benachbarte Wohnhaus verlaufene Kabel offenbarte, dass die Antenne nichts mit dem Gefängnis zu tun hatte, sondern nachträglich dort angebracht wurde.
Außerdem befand sich unmittelbar vor dem Gefängnisgebäude aber eindeutig auf dem Gelände gelegen ein kleines in einer Bretterbude installiertes Cafe, in welchem einige Gäste, alles Einheimische, saßen, welche mich aufgrund meiner neugierigen und suchenden Blicke, welche ich auf das Gebäude und alle Umgebung warf, misstrauisch musterten.

Was war das für ein interessantes Gebäude? War es wirklich ein ehemaliges Gefängnis? Wenn ja, wann gebaut? Wie lange betrieben? Wer waren die Insassen? Wer waren die Wärter? Welche Geschichte erzählt dieses Gefängnis? Und warum ist es kein Museum, sondern verkommt einfach so? Das war interessant. Da musste es etwas geben.
Zurück im Hotel wandte ich mich an die Dame hinter der Rezeption. Wahrscheinlich die Besitzerin. Ich hatte einige historische Fotos an den Wänden hängen sehen und nutzte das für den Gesprächseinstieg.

„Ich habe das Foto vom alten Hotel Europa gesehen“, sagte ich.

„Ja. Das alte Hotel Europa befand sich allerdings an ganz anderer Stelle – im Stadtzentrum – und es hatte auch einen ganz anderen Besitzer, den wir gar nicht kennen.“ Entgegnete Sie freundlich, offen und gleichzeitig ein bisschen entschuldigend. Als könnte ich von diesem Bruch enttäuscht sein.Nun ja. Das Hotel war im typisch jugoslawischen Betonschnörkelschick erbaut. Das Foto von dem alten Hotel Europa – eine schwarzweiß Aufnahme, welches ein hübsches Jugenstilgebäude zeigte, gefiel mir wirklich gut und ich vermutete bei den gleichen Namen schon einen Zusammenhang. Ich stellte mir vor, dass dieses schöne Hotel an der gleichen Stelle gestanden hatte wie dieses jugoslawische kleine betonschnörkelschick Hotelchen. Ein Schatten von dem schönen Gebäude auf dem Foto. Unter normalen Umständen hätte mich diese Foto-Täuschung einfach enttäuscht, im schlimmeren Fall aufgeregt. Aber nicht jetzt. Jetzt ging es mir um etwas anderes.

„Ich habe diese eigenartige, besondere Gebäude mit den hohen Mauern und den Wachtürmen hier gesehen.“ Brachte ich das Gespräch auf mein eigentliches Ziel.

„Das ist das Preson.“ Sagte sie gleich. Sie meinte Prison – Gefängnis. Also lag ich doch richtig. Ich freute mich innerlich darüber, dass meine Vermutung richtig war und dass ich hier auf etwas interessantes gestoßen war.

„Prison?“ „Yes, Preson! Preson from the Ottomans.“ Ein Gefängnis der türkischen Ottomanen also. „Interesting.“ Entgegnete ich, gespannt, noch mehr zu erfahren. Und sie erzählte mir einige weitere interessante Informationen über die Gegend. Hier – wo jetzt auch das Hotel stand – sei früher nur freies Feld gewesen. Die Menschen hätten dort gelebt, wo jetzt der Uhrturm steht und die zwei Moscheen – in Stari Varos. Hier sei damals gar nichts gewesen, nur Felder und eben das Gefängnis. Sie zeigte mir alles auf der kleinen Touristenkarte. „Es ist unter dem Namen „Jusovaca“ bekannt.“ Sagt sie mir, als wir mit unserer Konversation fertig waren. Ich bat ich sie, mir das Wort aufzuschreiben und mit dem Zettel in der Hand setzte ich meine Suche fort.

Ich lag richtig. Ich hatte ein interessantes Gebäude entdeckt, welches in keinem Reiseführer verzeichnet war. Ich wollte mehr über dieses Gebäude herausfinden.
Eine Suche im Internet lieferte mir unter dem Suchwort „Jusovaca“ ausschließlich Einträge in serbischer Sprache, welchen ich natürlich mit einiger Mühe nachging.

Erster Eintrag von … … auf der Seite. Ich muss den Text aus dem serbischen übersetzen.
„Jusovaca – Strafanstalt in Podgorica 1893 – 1945“ – so lautet die Überschrift. Geschrieben von einer Historikerin. Und gleich der erste Satz „Gebäude, die älter als 1945 sind, sind in Podgorica sehr selten.“ „Genau!“ denke ich bei mir und frage mich, warum dann lässt die Stadt eines dieser alten Gebäude mit wahrscheinlich solch einer reichen Geschichte einfach so verfallen. Ich bin so gespannt mehr darüber zu erfahren und beginne den Text Wort für Wort, Zeile für Zeile zu übersetzen.

Fortsetzung folgt.

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