Gandhis Autobiographie (1) Seinen Kritikern zur Empfehlung

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Habe gerade Gandhis Autobiographie – vollständiger Titel „M.K. Gandhi Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der der Wahrheit“ – gelesen. Wie bin ich auf dieses Buch gekommen? Was habe ich daraus gelernt? Und warum empfehle ich dieses Buch anderen zum Lesen?

Gandhi und Tolstoi

Ohne allzu weit ausholen zu müssen – ich bin über Leo Tolstoi zu Gandhi gekommen. Nach dem Lesen der Erzählung „Flucht zu Gott“ von Stefan Zweig, welche den Tod Leo Tolstois zum Inhalt hat, habe ich im Internet etwas über Leo Tolstoi recherchiert und dabei erfahren, dass der berühmte russische Schriftsteller ein zutiefst religiöser und spiritueller Vegetarier und noch dazu die große Inspiration Gandhis gewesen ist. Gandhi stand mit Tolstoi in Briefkontakt, sandte ihm hatte ihm die Manuskripte seiner Bücher vor der Veröffentlichung zum Probelesen und in Südafrika lebte Gandhi einige Zeit auf einer von ihm gegründeten Tolstoi-Farm. Hattet ihr das gewusst? Ich habe davon erst während dieser meiner Recherchen erfahren.

Wenn man Gandhi bei Youtube recherchiert, stößt man neben einigen Dokumentationen auch auf Tralier und Vollversionen des 1982 erschienenen britischen Films von Richard Attenborough, sowie auf Beiträge, welche sowohl diesen Film, als auch Gandhi selbst scharf kritisieren. Die Kritik läuft dabei meistens so: Der Film verkläre Gandhi. Gandhi sei in Wirklichkeit nicht der „rundherum Gute“ oder „Heilige“ gewesen, wie er im Film dargestellt würde. Kritik daran, dass der Film die religiös-spirituelle Seite an Gandhis und seiner Idee völlig außen vorlasse, habe ich bei Youtube jedoch bisher nicht gefunden. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

Ich möchte hier nur auf einige der zentralen Kritikpunkte an Gandhi eingehen und dieser Kritik Auszüge und Eindrücke aus seiner Autobiografie gegenüberstellen. Meine Meinung ist es, dass die hier erörterten Kritikpunkte nicht auf Gandhi zutreffen und dass jene, welche diese Kritik erheben, seine Autobiografie nicht gelesen haben bzw. diese nicht berücksichtigen.

Kritik an der Verklärung Gandhis

Die Kritiker sagen, Gandhi sei ein Mythos. Gandhi sei nicht der „Heilige“, als der er dargestellt werde. Gleichzeitig werfen Sie Gandhi vor, diesen Mythos selbst geschaffen zu haben. Sicherlich wird Gandhi heute fast 70 Jahre nach seinem Tod verklärt und als größer und besser dargestellt, als er es vielleicht war. Aber hat Gandhi sich selbst so verklärt und erhöht? Nein. In seiner Autobiografie spielen Bescheidenheit, Demut, selbstlose Liebe und unbedingtes Wahrheitsstreben die zentrale Rolle. Den Mythos Gandhi haben andere, nicht Gandhi selbst, geschaffen. Gandhi wurde von seinen Nachfolgern vereinnahmt und verklärt und hat damit unverschuldet ein Schicksal erfahren wie viele andere berühmte Männer auch.

War Gandhi rassistisch?

Die Kritiker sagen, Gandhi sei rassistisch und habe in seiner Zeit in Südafrika eine negative Einstellung den schwarzen Afrikanern gegenüber gepflegt. Als Argument für den von seinen Kritikern unterstellten Rassismus gegen die Ureinwohner Afrikas wird regelmäßig angeführt, dass Gandhi während der Zeit des Zulu-Aufstandes und seiner Niederschlagung durch die Briten Angehöriger der britischen Armee in Südafrika war. Hinzugefügt werden muss dabei aber, dass Gandhi Angehöriger und Führer des aus Indern bestehenden Sanitätscorps war, und dass die Aufgabe dieser Einheit die Pflege der bei Massakern verwundeten Zulus war, denn die englischen Sanitäter hatten es abgelehnt, die Schwarzen zu versorgen. Schauen wir einmal, was Gandhi selbst, welcher auch dem Zulu-Aufstand in seiner Autobiografie ein Kapitel gewidmet hat, über diesen Einsatz schreibt.

Gandhi und der Zulu-Aufstand

„Als wir den Schauplatz des „Aufstandes“ erreichten, sah ich, daß es nichts gab, was die Bezeichnung „Aufstand“ rechtfertigen konnte. Es gab keinen sichtbaren Widerstand. Die Unruhe war zu einem „Aufstand“ aufgeblasen worden, weil ein Zuluhäuptling erklärt hatte, er werde eine seinem Volke auferlegte neue Steuer nicht zahlen, und einen Sergeanten mit dem Assagai erstochen hatte, der hingeschickt worden war, um die Steuer einzutreiben. Mein Herz war jedenfalls bei den Zulus, und ich war sehr befriedigt, beim Erreichen des Hauptquartiers zu vernehmen, daß unsere Aufgabe in der Pflege der verwundeten Zulus bestehen sollte. Der diensttuende Stabsarzt hieß uns willkommen. Er sagte, die Weißen seien nicht gewillt, verwundete Zulus zu pflegen, deren Wunden eiterten, und er sei mit seiner Weisheit am Ende. Er begrüßte unsere Ankunft als ein Gottesgeschenk für diese unschuldigen Leute, stattete uns mit Verbandszeug, Desinfektionsmittel usw. aus und führte uns zu dem improvisierten Hospital. Die Zulus waren froh, uns zu sehen. Die weißen Soldaten schauten gewöhnlich verstohlen über den Zaun, der uns von ihnen trennte, und versuchten, uns davon abzubringen, die Wunden zu pflegen. Da wir nicht auf sie achteten, wurden sie wütend und stießen gegen die Zulus Verwünschungen aus, die sich nicht wiedergeben lassen.“ (Gandhi, Seite 266-267)

Die Niederschlagung des Zulu-Aufstandes durch das Britische Reich war also grausam, ungerecht und auch rassistisch motiviert, die Teilnahme Gandhis an diesem Ereignis als Sanitätssoldat kann vor dem Hintergrund der geschilderten Umstände jedoch in keinem Falle als Argument gegen ihn verwendet werden. Im Gegenteil, die Liebe zum Menschen und das selbstlose Dienen an Menschen stehen auch hier im Vordergrund von Gandhis Handeln.

Gandhi und die „Unberührbaren“

Die Kritiker sagen, Gandhi sei als Hindu ein Anhänger des Kastenwesens gewesen und vor allem die Stellung der sogenannten „Unberührbaren“ in diesem Kastenwesen sei menschenverachtend. Diese Kritiker sehen jedoch nicht, dass Gandhi sich Zeit seines Lebens für eine normale menschliche Behandlung der „Unberührbaren“ ausgesprochen und dieses auch gegen Widerstand und Unverständnis selbst praktiziert hat. So hat er beispielsweise als niedrig angesehene Arbeiten, welchen in Indien den „Unberührbaren“ vorbehalten sind, bewusst selbst ausgeführt und sich Zeit seines Lebens für die „Unberührbaren“ eingesetzt.

Es selbst schreibt darüber in seiner Autobiographie: „Die Frage der Unberührbarkeit gehörte natürlich zu den Problemen, die mit den Freunden in Ahmedabad diskutiert wurden. Ich machte Ihnen klar, daß ich die erste Gelegenheit benutzen würde, um einen unberührbaren Bewerber in den Ashram aufzunehmen, wenn er sonst dessen würdig war.“ (Gandhi, S. 332)

Und weiter heißt es: „Die erste Schwierigkeit entstand bei der Benutzung des Brunnens, der teilweise von dem Eigentümer des Bungalows kontrolliert wurde. Der Mann, der den Wasseraufzug bediente, erhob den Einwand, daß Tropfen aus unserem Eimer ihn verunreinigen könnten. Daher begann er, uns zu beschimpfen und Dudabhai zu belästigen. Ich sagte allen, sie sollten dieses Schimpfen ertragen und fortfahren, um jeden Preis Wasser zu holen. Als der Mann merkte, daß wir seine Beschimpfung nicht erwiderten, schämte er sich und gab es auf, uns zu belästigen.“ (Gandhi, S. 333)

„Unberührbare“ in Gandhis Ashram

„Die Aufnahme dieser Familie erwies sich als eine wertvolle Lehre für den Ashram. Gleich zu Beginn taten wir der Welt kund, daß der Ashram die Unberührbarkeit nicht dulden werde. Wer dem Ashram helfen wollte, war somit gewarnt, und die Arbeit des Ashram in dieser Richtung wurde erheblich erleichtert. Die Tatsache, daß es zumeist streng orthodoxe Hindus sind, die die täglich wachsenden Kosten des Ashrams getragen haben, ist vielleicht ein klarer Hinweis darauf, daß die Unberührbarkeit bis zu ihren Fundamenten erschüttert ist. Es gibt in der Tat dafür noch manch andere Beweise. Doch die Tatsache, daß gute Hindus kein Bedenken tragen, einen Ashram zu unterstützen, indem wir so weit gehen, mit Unberührbaren zu essen, ist kein geringer Beweis.“ (Gandhi, Seite 335)

Warum man Gandhis Autobiographie lesen sollte

Gandhis Autobiographie liest sich nicht so spannend wie ein Abenteuerroman und ist auch keine Heldengeschichte. Sie würde sich zur Stützung des Mythos Gandhi wenig eignen. Mitunter sind es die die ganz alltäglichen und oft langweiligen Arbeiten eines Rechtsanwalts, Politikers oder Journalisten, die hier beschrieben werden. Auch werden die Schwächen Gandhis nicht ausgeblendet. Im Gegenteil oft werden die schwachen Seiten des Menschen Gandhis in den Mittelpunkt der Erläuterungen gestellt. Die typische Ghandi-Sprache – friedlich, liebevoll und gleichzeitig von enormer Kraft und Überzeugung – ist auch bei der deutschen Übersetzung sehr gut erhalten und erkennbar geblieben. Wer sich für den Menschen Gandhi und für die religiös-spirituellen Grundlagen seiner berühmten sozial-politischen Prinzipien wie Gewaltlosigkeit, ziviler Ungehorsam und non-co-operation interessiert, dem sei seine Autobiographie wärmstens empfohlen. Für wirklich an Gandhi Interessierte stellt sie eine sehr gute Ergänzung zum Film dar. Ganz nebenbei finden sich darin auch interessante und wertvolle Tipps und Anleitungen zu Themen wie Ernährung, Fasten, Vegetarismus, Arbeit, Verzicht, Sparen und einfaches Leben.

Viel Spaß beim Lesen.

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