Großstadt und Naturverbundenheit mit Biss (Teil 1)

Hunde verstehen

Moskau – Großstadt und Naturverbundenheit mit Biss

Seit ca. zehn Jahren lebe ich als Unternehmer und Geschäftsmann in Moskau. Moskau ist eigentlich nie langweilig. Man kann sagen, Moskau ist eine Großstadt mit Biss. Man kann auch sagen, um als Unternehmer oder Geschäftsmann erfolgreich zu sein, braucht man Biss. Das gilt natürlich nicht nur für Moskau, sondern für das Geschäft und das Unternehmersein überhaupt und überall. Aber in diesem Post geht es nicht darum. In diesem Post geht es um Naturverbundenheit und um ein Missverständnis bei der Verständigung zwischen Mensch und Hund.

Fangen wir so an. Es war ein ein leicht verregneter Mittwoch Anfang Juni, als ich als bewusst lebender und ganzheitlich denkender Unternehmer und Geschäftsmann in Moskau unterwegs war. Ich war an diesem Tage aber nicht auf dem Weg ins oder vom Büro, auch nicht zu oder von einem Geschäftstreffen. Ich trug auch keinen Anzug, kein Jacket, kein Hemd, keine Krawatte und auch keine Aktentasche. Stattdessen trug ich an diesem Tag meinen dunkelblauen Adidas Jogginganzug, meine schwarze Adidas Regenjacke, meine Asics Laufschuhe und in den Ohren hatte ich die Kopfhörer von meinem MP3-Player zu stecken.

Naturverbundenheit und Landleben in der Großstadt

Ich war an diesem Tag bewusst nicht ins Büro und nicht ins Moskauer Stadtzentrum gefahren, sondern wollte diesen Tag nutzen, um an der frischen Luft zu sein, Sport zu treiben, auf dem Bauernmarkt frisches Gemüse einzukaufen, Tagebuch zu schreiben und einfach mal wieder ein bisschen Zeit frei und planlos am Stadtrand spazieren zu gehen. Ja, am Stadtrand im Süden von Moskau gebe ich mir große Mühe, mindestens einmal in der Woche ein bisschen Landleben und Naturverbundenheit zu fühlen. An solchen Tagen kommen einem oft die besten neuen Ideen für Geschäft und Leben.

In den vergangenden Tagen hatte ich mich intensiv mit dem Erfolgskonzept des bewussten Verlassens der Komfortzonem beschäftigt. Ich hatte mehrere Videos zu diesem Thema aufgenommen – unter anderem eines mit dem Titel „Zu Fuß zum Ende des Regenbogens – oder warum ich bei Regen zu Fuss gehe“. Da passte es sehr gut zu meinem leichten, aus Klimmzügen, Barrendips und Bauchmuskelübungen bestehenden Workout, dass es ein bisschen regnete. Mit schöner Motivationsmusik – Rocky-Soundtrack und musikunterlegte Arnold-Schwarzenegger-Zitaten – in den Ohren machte ich auf dem Spielplatz für Große meine Übungen und dachte dabei über die Vorzüge eines Regentages nach. Bei Regen ist die Luft besser, es sind weniger Menschen auf den Straßen unterwegs, das Grün und die anderen Farben der Natur kommen viel stärker zur Geltung, usw. das waren meine Gedanken.

Naturverbunden in der Großstadt – zum Reiterhof

Voller neuer positiver Energie und Gedanken spazierte ich nach diesem Workout zum Reiterhof am Stadtrund. Ich wollte einfach noch ein bisschen mehr von dem schönen Grün der Natur und der frischen Luft der Pflanzen genießen und der Weg zum Reiterhof, welcher über Pferdekoppeln, Wiesen und kleine Wäldchen führte, war dafür ideal. Es hatte mittlerweile aufgehört zu regnen aber auf dem Weg über die leer stehenden Pferdekoppeln merkte ich, dass der Untergrund sehr matschig war. Der Weg wurde wirklich unkomfortabel. An die Vorteile des bewussten Verlassens der Komfortzone dachte ich in diesem Augenblick aber schon nicht mehr. Gerade in dieser Situation dachte ich schon eher daran, dass meine Entscheidung, bei diesem Wetter den Weg über die Pferdekoppel zu nehmen, im besten Fall die zweitbeste war und ich beim nächsten mal mit Sicherheit einen anderen Weg wählen würde.

Aber halb so schlimm. Es waren nur ein paar Meter auf denen sich der lehmige Trampelpfad in wirklich matschigen Morast verwandelt hatte. Unter den Turnschuhen klebten zwar jetzt riesige Dreckbatzen, die schon beim Laufen störten und mit denen man aufpassen musste, nicht auszurutschen, aber diese würde ich mir dann sobald ich den kleinen Feldweg hinter mich gebracht und den Moskauer Betondschungel wieder erreicht hatt ganz einfach auf dem Asphalt oder der Betonkante des Bürgersteigs abstreifen können. So wie ich es früher in Berlin gemacht hatte, wenn ich versehentlich mal in einen Hundehaufen getreten war.

Pferde, Hunde und riesige Dreckbatzen – mit der Natur verbunden

Der Reiterhof und damit die nächste Asphaltstraße mit Betonkanten war keine fünf Schritte mehr entfernt. Ich hielt inne, genoß den Anblick der graziös auf dem Reitplatz im Kreis trabenden Pferde mit ihren Reitern auf dem Rücken, hörte ganz leise das mir vertraute Gebell des Hofhundes und stakste mit den bestimmt zehn Zentimeter hohen Dreckbatzen unter meinen Schuhen wie auf Stelzen oder Stöckelschuhen die letzten paar Meter bis zum Hofeingang vor dem die Asphaltstraße begann, an der ich mir endlich die Schlammschichten von den Turnschuhsohlen streifen könnte.

Vor dem Hof angekommen erkannte ich den mir bereits von früher vertrauten Hofhund. Ein schwarzer, zottiger, mittelgroßer alter Mischlingsköter mit grauer Schnauze und relativ grimmigem Aussehen. Die ersten Male bei denen ich ihm in der Vergangenheit auf und vor dem Reiterhof begegnet war, hatte er mich zuerst immer mit eingezogenem Schwanz angebellt. Ich, der ich Erfahrung mit Hunden habe, Hunde mag und den Umgang mit Tieren im Allgemeinen sehr liebe, habe ihm dann immer ganz ruhig zugeredet, ihn somit beruhigt, an meiner Hand schnüffeln lassen und auch gestreichelt und bei den Treffen danach hatte er mich, so glaubte ich jedenfalls, als Teil des Reiterhofes akzeptiert. Auf jeden Fall hatte er mich nicht mehr angebellt.

Reiterhof und Hofhund mit Biss

Diesmal war es anders. Er bellte mich an so wie bei den ersten Treffen. Möglicherweise erkannte er mich wegen der Kapuze, die ich mir zum Schutz vor Regen und der für Anfang Juni eigentlich auf für Moskau untypischen Kälte übergezogen hatte, einfach nicht erkannt. Diese Erkenntnis kam mir allerdings erst später. In dieser Situation dachte ich nicht daran, sondern nur daran, mir die Dreckbatzen endlich von den Schuhen kratzen zu können. In der Annahme, den Hund zu kennen, antwortete ich auf sein Gebell nur beiläufig mit einem guten Zureden, ging in einem nicht allzu großen Abstand an ihm vorbei, achtete nicht mehr auf ihn und begann, mir auf dem Asphalt den Dreck von den Schuhen zu streifen. Die Bewegungen, die ich dabei machte, müssen für einen Außenstehenden so in etwa wie die eines sich hastig bewegenden Skillangläufers, der auf der Stelle tritt und keinen Schnee hat, ausgesehen haben. Den Hund haben sie anscheinend zum Zugriff animiert. Plötzlich spürte ich einen Schmerz knapp unterhalb der Wade. Als ich an meinem Bein hinabschaute, sah ich zuerst meinen in Neonfarben gehaltenen Aisics Laufschuh, ein paar große braune Drecksbatzen, die sich durch Abstreifen gelöst hatten und zwei Augen, die aus einer schwarzgrauen um mein Bein fassenden Schnauze schauten, und seitlich mit bösem Blick zu mir hochschauten. Ich erschrak, griff nach dem Hals des Hundes und schrie ihn an. Darauf ließ er auch sofort ab rannte ein Stück zurück und begann wieder, mich aus der Entfernung anzubellen.

Es war für mich ein Schreck. ich hatte so etwas zuvor noch nicht erlebt. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Hunden und wurde vorher nie gebissen. Ich war natürlich ein bisschen aufgeregt. Ich schümpfte den Hund aus. Er entfernte sich und es war kein weiterer Angriff zu erwarten. Ich konnte laufen und fühlte nur leichten Schmerz – wahrscheinlich wegen des Adrenalins. Die Situation war also unter Kontrolle. Also fasste ich kühlen Kopf und erinnerte mich, was ich zuvor in Survivalbüchern über das Verhalten nach einem Hundebiss gelesen hatte – Wunde versorgen, Tetanusspritze, Tollwut, Besitzer ausfindig machen, ins Krankenhaus. Das waren die Schlagworte, die mir einfiehlen.

An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass es mir hier nur darum geht, den Vorfall, der mir widerfahren ist als eine Erfahrung der Naturverbundenheit zu schildern. Es geht mir nicht darum, Tipps zu geben, wie man sich nach einem Hundebiss verhalten soll.

Wie sieht ein Hundebiss aus?

Ich schob das Hosenbein hoch und schaute mir die Bisswunde an. Die Löcher welche die im Hundemaul ganz vorne stehenden großen Reißzähne hinterlassen hatten, waren deutlich zu erkennen. Jeweils zwei große Löcher auf jeder Seite des Beines mit einem schönen Abstand fast wie mit einem Locher gestanzt. Dazwischen Kratzspuren von den zwischen den vorderen Reißzähnen stehenden kleineren Schneidezähnen. Es floß kein Blut ein Verband oder eine Blutstillung war also nicht notwendig.

Da ich den Hund kannte und er in meiner Anwesenheit zuvor nie auffällig geworden war, konnte ich eine Tollwütigkeit ersteinmal ausschließen. Trotzdem musste ich den Besitzer ausfindig machen, um zu erfahren, ob er eine Tetanusimpfung erhälten hat. Während ich dort vor dem Reiterhof stand und darüber nachdachte, wie und wo ich den Besitzer ausfindig machen konnte, kamen zwei Reitermädchen aus dem Stall und führten ihre eleganten hohen Pferde an mir vorbei. Ich sprach sie an, ob sie nicht wüßten, wem der Hund gehöre, der mich gerade gebissen hatte. Sie schauten ein bisschen erstaunt, bestätigten mir dann dass der Hund zum Hof gehöre und rieten mir mit einem besorgt-bemitleidenden Gesichtsausdruck und einem Kopfzeig in Richtung Stallungen, mich doch an die Besitzerin des Hofes zu wenden. Sie wüßten aber nicht, wo diese gerade sei.

Wo ist der Besitzer des Hundes?

Gut. Die Reitermädchen konnten mir also nicht weiterhelfen. Kurz darauf traten zwei Stallarbeiter aus dem Stall. Zwei auf mich freundlich und gutmütig wirkende Mittelasiaten, wie sie es hier in Moskau sehr viele gibt und welche in der Stadt vor allem die als nieder angesehenen und schlecht bezahlten Arbeiten erledigen. Ich kannte einen der beiden und so fiel es mir nicht schwer, ihn anzusprechen und kurz und knapp zu erklären, dass der Hund mich gerade gebissen hatte und ob er etwas über den Hund wüsste. Er machte ein ein bisschen erstauntes Gesicht, welches eher Beileid mit mir als Erschrockenheit über den Vorfall eines Hundebisses auf dem Reiterhof ausdrückte. Und sein gelassener Ausspruch. „Tja. Das ist ein richtiger Hund. Der schnappt manchmal zu.“ hätte in Deutschland wohl jeden Gebissenen sofort auf die Palme gebracht. Ich wollte in dieser Situation jedoch keine Schwäche oder Aufgeregtheit zeigen und fragte ganz ruhig weiter, was denn mit den Impfungen des Hundes sei. Er versicherte mir glaubhaft, dass der Hund gesund sei und stets alle vorgeschriebenen Impfungen erhalten würde. Dann machten wir noch ein paar Scherze über den Hund und ich zog weiter.

Tollwut Nein! Tetanusimpfung ja! Also noch mal Glück gehabt.

Zu Hause machte ich mir ordentlich Jod auf die Wunde, fühlte mich um eine Erfahrung im Umgang mit Hunden reicher und spürte auch eine größere Naturverbundenheit in mir als zuvor. Meine Lehre – lasse niemals einen aggressiv auftretenden Hund aus den Augen, auch dann nicht, wenn Du meinst ihn zu kennen. Es kann sein, dass er Dich nicht erkennt, Du unbewusst einfach durch ein anderes Verhalten sein zuschnappen provozierst oder er einfach schlecht drauf ist.

Ich habe auch nach diesem Vorfall keine Angst vor diesem Hund oder vor anderen Hunden. Ich bin bisher immer mit ruhigem Zureden und angemessenem Verhalten auch an Kläffern und Zähnefletschern vorbeigekommen.

Aber die Geschichte ist noch nicht vorbei. Weiter geht es im zweiten Teil. Eine Fortsetzung folgt. Bleibt dran.

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