Großstadt und Naturverbundenheit mit Biss (Teil 2)

hundebiss 001Im vorangegangenden ersten Teil der Geschichte – „Großstadt und Naturverbundenheit mit Biss (1) – habe ich beschrieben, wie mir auf einem Reiterhof am Rande Moskaus ein schwarzer Hund überraschend und versehentlich ins Bein gebissen hat, wie ich mit dieser Situation umgegangen bin und wie sich alles zum Besten gefügt hat. Hier folgt der zweite Teil dieser Geschichte.

Ein paar Tage nach diesem Vorfall bin ich in gleicher Kleidung und auf dem gleichen Weg wieder an dem gleichen Reiterhof vorbeigegangen. Wieder über die Pferdekoppel, welche wegen des an diesem Tage herrschenden trockeneren Wetters nicht mehr so verschlammt war wie an den Tagen zuvor. Auch auf diesem Wege habe ich kurz vor dem Reiterhof inne gehalten, die elegant im Kreis laufenden Pferde mit ihren Reitern auf dem Rücken ein paar Sekunden lang beobachtet und wieder hörte ich das mir nun noch besser vertraute Gebell des Hofhundes. Diesmal konzentrierte ich mich natürlich auf den Hund. Diesmal wollte ich natürlich nicht den gleichen Fehler machen und ihn in gutem Glauben, dass er mich ja kenne, unbeobachtet lassen. Es waren nur noch wenige Schritte bis zum Hof. Ich konnte den Hund schon hören, aber noch nicht sehen.  Ich stellte mir schon vor, wie ich dem Hund gegenüberstehen würde und ich hoffte, dass er mich diesmal sofort an Aussehen oder Geruch und nicht erst am Geschmack erkennen würde.

Ich machte die letzten Schritte. Ich bog um den Schuppen. Ich sah den schwarzen zottigen Körper des Hundes und hörte ihn laut bellen. Aber als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass sein Bellen nicht mir galt. Nein. Er zeigte nicht mir seine Zähne. Ich sah nur seine Rückseite. Er bellte in die andere Richtung. Und dort stand ein ca. 14-16 Jahre altes Mädchen mit großer Lockenmähne und zwei großen weit aufgerissenen Augen. Sie stand auf der Stelle, rührte sich nicht und schaute den Hund und dann, als Sie mich bemerkte, auch mich an.

Ich näherte mich langsam der Szene und sprach dabei beruhigend auf den Hund ein. Als dieser mich aus den Augenwinkeln sah und erkannte, hörte er kurz auf, zu bellen. Im gleichen Moment kamen ein Mann und eine Frau hinzu. Die Eltern des Mädchens. Man sah den Dreien an, dass Sie nicht zum Hof gehörten, und sich wohl den Reitbetrieb einmal ansehen wollten.

An die Frau kann ich mich kaum erinnern. Sie war ganz ruhig, was für diese Lage – Reiterhof, arbeitende Pferde, Reiter und ein kläffender Hund davor – genau das richtige Verhalten war. Der Vater hingegen – kleiner als Frau und Tochter, aber dafür untersetzt und mit aufgepumpten Muskeln bepackt – blieb mir in Erinnerung. Denn sein Verhalten passte nicht in diese Lage. Schon aus einigen Schritten Entfernung – rief er seiner Tochter lautstark und aufgeregt zu, dass sie keine Angst vor dem Hund zeigen solle. Diesen inhaltlich vollkommen richtigen Ratschlag rief er mehrmals in die Gegend. Ich schreibe, dass er es in die Gegend rief, weil es erstens so weit und breit in der ganzen Gegend zu vernehmen war und zweitens er dabei weder seine Tochter, noch den Hund anschaute. Jedenfalls nicht direkt anschaute. Er starrte die ganze Zeit nur auf den Bildschirm seines relativ großen Smartphones welches er mit seinen kurzen ausgestreckten Armen mal vor sich mal über seinen Kopf hielt oder rundum schwenkte.

Ich kam näher an die Drei heran, welche jetzt ganz beieinande standen heran. Die Mutter war ganz ruhig, die Tochter blickte immer noch abwechselnd mich und den Hund an und der Vater hielt das Smartphone so hoch er konnte und machte eine langsam drehende Rundumaufnahme. Der Hund hatte in der Zwischenzeit ein paar Schritte zurückgemacht und fing nun aus sicherer Entfernung wieder an zu kläffen. Vor dem Hintergrund des dem Familienkurzfilm eine gewisse Dramatik gebenden Hundegebells wiederholte der Vater, dass man vor Hunden nur ja keine Angst zeigen dürfe und dass sie einem dann nichts tun würden. Diese Worte klangen jetzt aber schon nicht mehr wie ein Ratschlag an die Tochter, sondern eher wie ein Filmkommentar. Und man merkte dabei deutlich, dass er in der Rolle als Chefregisseur und Hauptkommentator des Films vollkommen aufging und alle anderen Beteiligten inklusive des die Tochter ankläffenden und -knurrenden Hundes, nur mehr Statisten waren.

Eigentlich hätte ich schweigend vorbei gehen können, aber irgendetwas brachte mich dazu zu sagen: „Seid vorsichtig. Dieser Hund hat mich vorgestern schon gebissen.“ Als ich dies sagte, schauten Mutter und Tochter mich ganz erschrocken an. Der Vater dagegen filmte weiter den Hund. Ich spürte, wie meine Aussage ihn kurz aufschauen ließ. Jetzt erst wurde mir klar, dass das, was ich gesagt hatte, ihn und seine Autorität in Frage gestellt hatte. Zumindestens hätte er es so verstehen können. So vergingen während ich an ihnen vorbei ging ein anderthalb Augenblicke und ich war schon vorübergezogen da hörte ich die Stimme des Vaters wie eilig und in letzter Sekunde hinterhergeworfen sagen oder kommentieren: „Vermutlich haben Sie dem Hund gegenüber Angst gezeigt. Vermutlich hat er Sie deswegen gebissen.“

Für mich als hundeverstehenden naturverbundenen Großstädter, den bis vor wenigen Tagen noch nie ein Hund gebissen hat, war das starker Tobak. Ich dachte einen kurzen Augenblick darüber nach, und wollte mich schon umwenden und diese Situation klären oder erklären, aber dann ging ich einfach weiter, als ob ich es überhört hätte. Und diese Entscheidung war richtig. Denn wenn ich zurückgegangen wäre, hätte es eine lange Diskussion darüber gegeben, warum ein Hund jemanden beißen kann. Darüber, dass ich früher auch gedacht hätte, dass Hunde nur diejenigen beißen würden, welche ihnen Angst zeigen würden, dass ich aber vor ein paar Tagen eine andere Erfahrung gemacht hätte und zwar die, dass feige Hunde auch heimtückisch aus dem Hinterhalt zubeißen könnten, z.B. so wie dieser Hofhund, der gerade seine Tochter belauert, währen ihr Vater ungeschickte Filme dreht, usw.. Vielleicht hätte ich ihm auch meine noch frische Bisswunde gezeigt und noch viele andere Dinge erklärt. Z.B. wie man sich als Besucher auf einem Reiterhof verhält, dass man dort nicht durch die Gegend ruft und wie ein trampeliger taktloser Tourist mit der Kamera in jede Ecke filmt und nicht zu allem und jedem seine ignoranten und überflüssigen Filmkommentare geben müsste usw. So wie es eben ist, wenn zwei erwachsene Menschen sich gegenseitig beweisen müssen, dass sie Recht haben.

Aber was hätte ich damit wirklich erreicht? Ich hätte ihn vor seiner Familie bloßgestellt. Ich hätte ihm und seiner Familie den Besuch auf dem Reiterhof und dazu noch seinen Film verdorben. An all dem war mir natürlich nicht gelegen. Nein, ich wollte in seinem Film auch nicht die stereotype Rolle des zur Ordnung mahnender Fritzen spielen. Und natürlich wollte ich ihm auch nicht seine tragende Filmrolle als der aus dem Off kommentierender Alleswisser verderben.

Deshalb tat ich das, was in solch einem Fall oft das beste ist. Ich ging einfach weiter und dachte mir meinen Teil. Auch in dieser Situation fühlte ich, wie ich aus meiner durch diesen Hundebiss intensivierten Naturverbundenheit Stärke und Ruhe schöpfte. Und auch aus dieser Situation habe ich viel gelernt. Bis zum nächsten Abenteuer. Bis zur nächsten Lektion.

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