Peter Plus in Bosnien (1) von Kolašin nach Klobuk

"Durch den Balkan" - Streckenplanung und -kenntnis ist alles.

Bild oben: „Durch den Balkan“ nach Bosnien – Streckenplanung und -kenntnis sind alles.

Peter Plus in Bosnien (1) von Kolašin nach Klobuk

Peters Reise nach Bosnien beginnt Mitte Juli 2016 in Kolašin, einer ganz kleinen Stadt mit großem Dorfgefühl und wunderschöner Landschaft irgendwo in den Bergen Montenegros, wo Peter sich vor gar nicht allzu langer Zeit sein Ferienhaus gebaut hat. In dieser Geschichte soll es aber weder um Kolašin, noch um Montenegro, noch um den Hausbau gehen. Darüber, so Gott will, wird Peter vielleicht einmal an anderer Stelle schreiben. In dieser Geschichte geht es ganz allein um Bosnien-Herzegowina, um die Städte und Dörfer, mit ihren alten und neuen Strassen, Plätzen, Brücken, Moscheen und Kirchen. Und, nicht zuletzt, geht es um die ganz persönlichen Eindrücke, welche Peter von dieser seiner ersten Bosnienreise mit nach Hause genommen hat.

Peter war jetzt schon seit zweieinhalb Wochen in seinem Haus in Kolašin. Zu Beginn dieser zweieinhalb Wochen hatte er sich fest vorgenommen, eine Reihe von Arbeiten und Geschäften zu erledigen. Diese hatte er auf einen Zettel geschrieben und diesen wiederum an eine Pinnwand neben seinem Schreibtisch gehängt. Er liebte es an diesem Schreibtisch zu sitzen und durch das große Fenster auf die kleine Stadt und die sie umgebenden grünen Wälder und hohen Berge zu schauen. Bei klarer Sicht sah er von hier aus die Gipfel des Sinjajevina-Gebirges, welche in der Ferne im Osten von Kolašin aufragten. Der höchste von Ihnen – der Babin Zub – war 2253 Meter hoch. Jeden Tag, an dem Peter hier an seinem Schreibtisch saß, schaute er sich immer zuerst diese Berge und dann seinen Zettel mit darauf notierten Aufgaben an.

Es waren keine besonders großen oder schweren Aufgaben. Er hatte sich zum Beispiel vorgenommen, das Gras und Gestrüpp im nun seit ca. zwei Monaten verwilderten Garten zu roden, den neuen Schuppen mit Holzschutzfarbe anzustreichen und den Kellerboden mit Betonfarbe zu versiegeln. Gleichzeitig liefen die Handels- und Immobiliengeschäfte in Berlin und Moskau fast wie von allein und ohne sein großes Zutun.

Das war vor zweieinhalb Wochen. Nun, nachdem all diese Aufgaben entweder in tagelanger körperlicher Arbeit, teils in guter Organisation und Delegierung an seine lokalen Arbeiter erledigt waren, nahm er den Zettel wieder von der Pinnwand, machte hinter jeden Punkt einen Haken und war froh, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war, um seine schon lang geplante aber immer wieder verschobene Bosnienreise zu starten. Noch am gleichen Abend packte er seine Sachen und schon am nächsten Morgen ging es los.

Peter Plus hatte in seinem Leben bereits die meisten Länder Europas bereist. Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens – wenn man vom kleinen Montenegro einmal absah – waren auf der Landkarte in Peters Kopf noch ganz weiße Fläche. Erst in allerjüngster Zeit hatte er begonnen, sich für die Länder des Balkans zu interessieren und erst vor ungefähr einem Jahr hatte er begonnen, regelmäßig nach Montenegro zu reisen. Er hatte mit den Badeorten angefangen, sich dann in den Wintersportorten des kleinen Berglandes umgesehen, dort sein Haus gebaut und war nun, da er Montenegro bereits kannte und es ihm nach ein paar Wochen in Kolašin schon ein wenig langweilig wurde, froh, jetzt nach Bosnien abzureisen. Also stieg er in seinen blau-grünen Lada Niva und fuhr ab.

Abfahrt nach Bosnien

Sein Weg führte ihn über Podgorica, die Hauptstadt von Montenegro, welche früher Titograd hieß und wo er gerade noch rechtzeitig ankam, um die letzten wichtigen Besorgungen zu machen. Denn es war Samstag und die Bank, die DHL Kurierstation und das Büro seiner Autoversicherung hatten an diesem Tag nur bis zum Mittag geöffnet. Nachdem auch diese Notwendigkeiten erledigt waren, zu nennen sei hier vor allem die Ausstellung der grünen Autoversicherungskarte, ohne welche weder Peter mit seinem Lada Niva, noch irgendein anderer Autofahrer mit irgendeinem anderen Auto von Montenegro aus nach Bosnien hätte einreisen können, so jedenfalls die Vorschrift, ging es nun endlich weiter.

Von Podgorica aus fuhr er zunächst in nordwestlicher Richtung immer am Fluss Zeta entlang bis nach Nikšić, der mit ca. 58.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Montenegros, welche vor allem für das hier unter gleichem Namen gebraute Bier bekannt war. Bei Nikšič, wo starker Regen einsetzte, wechselte Peter auf die dort nach Westen abzweigende Fernstraße Nr. 6, welche ihn und seinen Lada Niva nach ungefähr einer weiteren Stunde Fahrt, durch die karstige Gebirgslandschaft Montenogros bis an den Grenzübergang Klobuk – bis nach Bosnien-Herzegowina also – brachte.

Grenzübergang Klobuk bei Trebinje

Grenzübergang Klobuk bei Trebinje

Ankunft in Bosnien

Nachdem Peter ohne langes Warten die von beiden Seiten sehr locker durchgeführte Grenzkontrolle passiert hatte, noch nicht einmal die grüne Versicherungskarte hatte der bosnische Zöllner sehen wollen, besserte sich fast augenblicklich das Wetter. Der Regen schwächte sich schnell ab, wurde dann zu kaum noch spürbaren Niesel und schon nach der nächsten nun steil abwärtsführenden Serpentinenkurve kam die Sonne hinter den Wolken hervor. Nur ein Regenbogen hätte noch gefehlt, dachte Peter, denn auch die Landschaft war auf einmal so schön geworden, dass man sie hätte malen oder mindestens auf eine Postkarte fotografieren wollen.

Aus der harten steinigen Karsgebirgslandschaft, wie Peter sie aus Montenegro kannte, waren liebliche Hügel mit Hochwiesen und Bergweiden geworden, welche von locker verstreut stehenden Wachholderbüschen und noch dem ein oder anderen aus dem Boden ragenden kleinen Karstfelsen unterbrochen wurden. Dazwischen weideten kleine Schafherden und hier und da waren sehr vereinzelt stehende Häuser und Stallungen, in der traditionellen Bauweise aus grauen großen Feldsteinen errichtet und mit roten Ziegeln gedeckt, zu sehen.

Nur Schafe, verstreut liegende Häuser und winzige, wahrscheinlich lediglich der Subsistenzwirtschaft dienende, mit Kohl und Gemüse bestellte Felder in der Größe von Schrebergärten, waren hier gleich hinter der Grenze zu sehen. Man sah den Häusern auf den ersten Blick nicht an, ob sie bewohnt oder verlassen waren. Menschen, Autos oder landwirtschaftliche Maschinen waren nicht zu sehen. Einzig die Schafe und die gepflegten Gemüsegärten und Obstbäume zeugten davon, dass diese bescheidenen Gehöfte bewohnt waren.

Klobuk – Grenzdorf mit Grenzgeschichte

Bei dieser äußerst unscheinbaren Ansiedlung, an welcher Peter hier vorbeifuhr, musste es sich um das Dorf Klobuk, welches laut englischer Wikipedia heute nur noch 30 Einwohner zählt und dem nahegelegenen Grenzübergang seinen Namen geliehen hat, handeln. Dieses Dörfchen war wirklich klein. Peter bemerkte es zunächst fast gar nicht. Erst Wochen nach der Bosnienreise, erst nachdem er schon längst wieder in Berlin war, in seinem Studier- und Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzend, mit dem Finger auf der Landkarte entlangfahrend, diese seine erste Bosnienreise rekapitulierend und die eine oder andere Reisestation in einem seiner vielen Reiseführer und Lexika oder im Internet nachrecherchierend, hatte er überhaupt das erste Mal vom diesem Grenzdorf Klobuk gehört.

Bosnien Klobuk

Bosnien Klobuk – Landschaft

Auf der Strassenkandkarte mit dem Maßstab 1:300.000 hatte er dieses Dorf und diesen Namen nicht gefunden. Auch eine Suche bei Google Maps lieferte keine brauchbaren Ergebnisse. Es gab zwar einige Einträge unter der Bezeichnung Klobuk, jedoch handelte es sich dabei nicht um das gesuchte Grenzdorf bei Trebinje. Esschien sowohl auf dem gesamten Balkan, als auch in den Grenzen des heutigen Bosnien-Herzegowina mehrere Dörfer mit dem Namen Klobuk zu geben. Das hier gemeinte, das nahe Trebije und direkt an der Grenze zu Montenegro liegende Klobuk hatte Peter dagegen nicht bei Google Maps finden können.

Ein deutscher Wikipediaeintrag zu Klobuk existierte noch nicht und der englische Eintrag, den Peter fand, war nur dreieinhalb Zeilen lang. Einerseits sehr kurz aber auch lang genug, um zu erfahren, dass Klobuk heute 30 Einwohner zählt und im 16. Jahrhundert einmal das Zuhause einer großen Berühmtheit war: des Bejlerbej (engl: beylerbey; bosnisch: beglerbeg/ беглербег), der wichtigste der Provinzgouverneure Bosniens, welcher mit türkischem Namen und Titel Telli Hasan Pascha hieß und einer der bedeutentsten Feldherren des Osmanischen Reiches dieser Zeit war.

Mehr Interessantes über Land, Leuten und Geschichte erfuhr Peter bei Studium und Übersetzung der serbischen, serbokroatischen und bosnischen Wikipedia-Variante. Beim Lesen dieser drei verschiedenen Artikel bemerkte Peter, dass sich die drei Sprachen sehr ähnlich, die Inhalte der Artikel dagegen komplett verschieden waren. In der serbokroatischen Variante erfährt man zum Beispiel, dass Telli Hasan Pascha im Jahre 1530 als Nikola Predojević, als Sohn serbischer Eltern also, in Klobuk geboren wurde und den späteren türkischen Namen erst nach der Konvertierung zum Islam angenommen hatte.

Peter folgerte daraus, dass er höchst wahrscheinlich im Rahmen der damals unter türkischer Besatzung üblichen Knabenlese seinen christlichen Eltern weggenommen und an den Hof des Sultans verbracht wurde. Dort erhielt er eine islamische Erziehung und eine militärische Ausbildung. Diese Art der Zwangsrekrutierung war damals weit verbreitet. Vor allem die Elitetruppe des Sultans – die Janitscharen – wurden fast ausschließlich auf diese Weise zwangsrekrutiert. Viele von Ihnen, so auch dieser wahrscheinlich bedeutentste Sohn Klobuks, machten im Osmanischen Reich große Karrieren und bekleideten die höchsten Ämter.

Auf der serbischen Version von Wikipedia dagegen fand Peter die Geschichte vom Popen Matija Stijačić, welcher 1883 in Klobuk geboren und 1941 während des Zweiten Weltkrieg von kroatischen Ustaschakämpfern auf bestialische Weise gefoltert, verstümmelt und ermordet wurde. Seine Leiche hätte man in eine nahe bei Velebita gelegene Höhle geworfen. Grausige Geschichten von Mord und Totschlag, die sich in dieser Gegend, so mag es den Anschein haben, zu fast allen Zeiten abgespielt haben müssen, dachte Peter, als er die weitere Familiengeschichte des Popen Matija Stijačić las. Dort hieß es, dass schon der Vater des Popen im ersten Weltkrieg 1916 zusammen mit weiteren 70 Serben in Klobuk von österreich-ungarischen Soldaten aufgehängt worden sei. Und auch der Sohn des Popen, wurde bei der Suche nach dem entführten Vater von Ustaschtakämpfern getötet.

Zwei kurze Geschichten, die Peter tief beeindruckten und ihm im Nachhinein eine Vorstellung davon gaben, was in der Vergangenheit hier los gewesen sein musste. Im Nachhinein erst. Denn in dem Moment als er durch diese liebliche Landschaft fuhr und die friedlich in ihr weidenden Schafe im Vorbeifahren betrachtete, kannte er diese Geschichten noch nicht. Und hätte er sie bereits gekannt, er hätte sie bei diesem Anblick nur schwer glauben können.

Mit diesen Peters ersten Schilderungen aus und Eindrücken von Bosnien wollen wir diesen Teil beschließen. Aber Peters Bosnienreise hat gerade erst begonnen. Fortsetzung folgt. Bleiben Sie dran.

Autor: Peter Plus. Berlin, Juli 2016

Quellen:

https://en.wikipedia.org/wiki/Klobuk,_Trebinje

https://sh.wikipedia.org/wiki/Klobuk_(Trebinje)

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